Ein «Patchwork»-Talmud

Vier Fragen an
Anna Rabin

2018 mach­te unse­re Kura­to­rin Anna Rabin eine Ent­de­ckung: Im Tal­mud von 1578, der vom Bas­ler Dru­cker Ambro­si­us Fro­ben her­ge­stellt wur­de, waren frem­de Sei­ten ein­ge­bun­den. Die­se Sei­ten stamm­ten aus Vene­dig, aus der Werk­statt des Dru­ckers Dani­el Bom­berg der Jah­re 1522/8, sie waren also fünf­zig Jah­re älter. Anna Rabin erzählt im Gespräch mit Muse­ums­lei­te­rin Nao­mi Lub­rich, was sie seit­her im Buch ent­deckt hat.

NL: Anna, Du warst 15 Jah­re lang Kura­to­rin im Jüdi­schen Muse­um der Schweiz. Was war das für ein Moment, als Du ent­deck­test, dass in einem unse­rer wich­tigs­ten Bücher die Sei­ten nicht mit­ein­an­der übereinstimmten?

AR: Es war ein Moment, der regel­rech­tes Herz­klop­fen aus­lös­te: Ein ungläu­bi­ges «Das kann ja nicht sein!» oder ein erstaun­tes «Was ist denn da los?», das war das Ers­te, was mir ein­fiel. Dann kam der Moment, das Buch genau unter die Lupe zu neh­men und nach Mög­lich­keit vor­be­halts­los und ruhig zu schau­en, was wir denn vor uns haben. Als sich her­aus­stell­te, dass ein Teil der Dru­cke nicht aus Basel stammt, son­dern aus der ein­zig­ar­ti­gen Werk­stät­te Bom­bergs in Vene­dig, da habe ich damit ange­fan­gen, ehr­furchts­voll die Sei­ten umzu­blät­tern. Das Wis­sen, etwas ganz Beson­de­res und Ein­zig­ar­ti­ges in den eige­nen Hän­den haben zu dür­fen, das ist ein erha­be­ner Moment, von dem jeder Muse­ums­mit­ar­bei­ter träumt.

NL: Wes­halb die ver­schie­de­nen Dru­cke zusam­men­ge­bun­den wur­den, lässt sich heu­te nicht mehr ermit­teln. Aber Du hast seit­her sämt­li­che hand­ge­schrie­be­ne Noti­zen ent­zif­fert, um die Nut­zung des Buches zu stu­die­ren. Was war Dei­ne gröss­te Herausforderung?

AR: Ich hat­te mit drei gros­sen Her­aus­for­de­run­gen umzu­ge­hen. Die ers­te war, unvor­ein­ge­nom­men zu blei­ben und in die Noti­zen nicht etwas hin­ein­le­sen zu wol­len, was womög­lich gar nicht da stand. Die zwei­te bestand im Ver­ste­hen und Ent­zif­fern der Hand­schrif­ten selbst. Kei­ne Hand­schrift gleicht der ande­ren. Die drit­te war der immense Zeit­fak­tor: Ich bin über einen lan­gen Zeit­raum immer wie­der die Inschrif­ten durch­ge­gan­gen, um Ent­zif­fe­run­gen zu über­prü­fen, even­tu­ell zu kor­ri­gie­ren oder auch zu revi­die­ren. Das brauch­te Ruhe, Durch­hal­te­ver­mö­gen und viel Nerven.

NL: Was hast Du entdeckt?

AR: Aus den hand­schrift­li­chen Noti­zen lässt sich ver­mu­ten, dass das Buch in den ver­gan­ge­nen vier­hun­dert Jah­ren in ver­schie­de­nen jüdi­schen Gemein­den im süd­deut­schen und tsche­chi­schen Raum ver­wen­det wur­de. Ein Trak­tat war in der Stadt Usov (heu­ti­ges Tsche­chi­en) in Gebrauch. Man­che Hand­schrif­ten las­sen sich als «Sulz­burg» lesen, eine ande­re lau­tet «Metz», wobei die­se Inter­pre­ta­ti­on nicht gesi­chert ist, denn der hebräi­sche Text lässt eine gewis­se Band­brei­te an Vari­an­ten von Voka­li­sa­tio­nen zu. Gleich­wohl läge es nahe, dass der Foli­ant in der nähe­ren Umge­bung ver­wen­det wur­de, wes­halb die Les­art Sulz­burg nicht unwahr­schein­lich ist. Für Metz ist eine jüdi­sche Gemein­schaft im acht­zehn­ten Jahr­hun­dert nach­ge­wie­sen, die auch Gelehr­te her­vor­ge­bracht hatte.

NL: Wie stellt man sich die dor­ti­gen Gelehr­ten vor?

AR: Man weiss nicht genau, wie sie unter­rich­tet haben. Aber wir wis­sen, dass die­se Gemein­den beschei­den leb­ten. Die Gelehr­ten wid­me­ten einen Gross­teil des täg­li­chen Lebens dem Stu­di­um reli­giö­ser Schrif­ten, solan­ge Tages­licht vor­han­den war. Der Tal­mud wäre ihnen eine aus­ser­or­dent­lich kost­ba­re kul­tu­rell-reli­giö­se Quel­le des Wis­sens gewesen.

NL: Vie­len Dank!

Anna Rabin ist heu­te Mit­ar­bei­te­rin am Albert Ein­stein Archiv in Jerusalem.

 

verfasst am 06.07.2022