Margarete Susman ein Jahr vor ihrem Tod (1965)

«Sie war eine Vorreiterin des interreligiösen Dialogs.»

Oded Fluss über
Margarete Susman

In Zürich fei­ern die Kul­tur­ein­rich­tun­gen Omanut und die ICZ-Biblio­thek die­sen Monat die Phi­lo­so­phin Mar­ga­re­te Sus­man zum Anlass ihres 150. Geburts­ta­ges. Vor­trags­red­ner und ICZ- Biblio­the­kar Oded Fluss sprach mit Nao­mi Lub­rich über die Frau, die deutsch-jüdi­sche Nach­kriegs­dis­kus­sio­nen von der Schweiz aus prägte.

Nao­mi Lub­rich: Lie­ber Oded, Mar­ga­re­te Sus­man wur­de vor 150 Jah­ren gebo­ren. Was muss man über sie wissen?

Oded Fluss: Mar­ga­re­te Sus­man war eine Dich­te­rin, Reli­gi­ons­phi­lo­so­phin, Den­ke­rin und Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin aus einer bür­ger­lich-jüdi­schen Ham­bur­ger Fami­lie. 1933 wan­der­te sie von Deutsch­land nach Zürich aus und erfuhr hier vom Schick­sal der Juden unter dem Nazi-Regime, vom Tod ihrer Schwes­ter Pau­la, die nach einem geschei­ter­ten Flucht­ver­such 1942 Selbst­mord beging sowie von der Ermor­dung ihrer engs­ten Freun­din, der Dich­te­rin Ger­trud Kan­to­ro­wicz, im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Theresienstadt.

NL: Sus­man war nicht von Anbe­ginn an jüdi­schen The­men inter­es­siert. Was weck­te ihr Interesse? 

OF: Sus­man wuchs in einer assi­mi­lier­ten Fami­lie auf, in der das Juden­tum kei­ne Rol­le spiel­te. Sie kann­te und leb­te die mehr­heits­deut­sche Kul­tur. Ihr Lieb­lings­fest war Weih­nach­ten, das ihre Fami­lie «nach deut­schem Brauch» fei­er­te. Anti­se­mi­ti­sche Kin­der­ge­schich­ten und Lie­der waren all­ge­gen­wär­tig, und so schäm­te sie sich für ihr Juden­tum. Ihre Wen­de zum Jüdi­schen hin kam mit Anfang zwan­zig, nach dem Tod ihres Vaters. Sie lern­te den libe­ra­len Rab­bi­ner Cae­sar Selig­mann ken­nen und erfuhr mehr über ihre Her­kunft. Die Freund­schaft zwi­schen Selig­mann und Sus­man fand Ein­zug in ihre phi­lo­so­phi­schen Schrif­ten – und hielt lebens­lang. Die zwei­te Wen­de hin zum Juden­tum war eine Fol­ge des Holo­causts: Gleich nach dem Krieg, 1946, ver­öf­fent­lich­te sie Das Buch Hiob und das Schick­sal des jüdi­schen Vol­kes. Trotz ihrer jüdi­schen Per­spek­ti­ve sind ihre Schrif­ten jedoch von mes­sia­ni­schen und christ­li­chen Ideen durch­setzt und waren daher umstritten.

NL: War Sus­man als Frau ihrer Zeit voraus?

OF: Sie ver­kehr­te als Frau in Krei­sen, die ansons­ten nur Män­nern vor­be­hal­ten waren. Sie war zum Bei­spiel eine der weni­gen Frau­en im soge­nann­ten Geor­ge-Kreis, gelei­tet und benannt nach dem Dich­ter Ste­fan Geor­ge. Sie publi­zier­te als ein­zi­ge Autorin im berühm­ten Sam­mel­buch «Vom Juden­tum» (1913, vom Bar Koch­ba Ver­ein der jüdi­schen Schü­ler in Prag her­aus­ge­ge­ben) in dem auch Bei­trä­ge von Mar­tin Buber, Gus­tav Land­au­er, Jakob Was­ser­man und Karl Wolfs­kehl erschie­nen. Und sie war die ein­zi­ge Autorin der Scho­cken Büche­rei (abge­se­hen von Fega Frisch, die ein kur­zes Nach­wort zu einer ihrer Über­set­zun­gen schrieb), der wohl wich­tigs­ten jüdi­schen Buch­rei­he des 20. Jahrhunderts.

NL: Wie erleb­te Sus­man Zürich als ihre neue Heimat?

OF: Sus­man zog 1933 mit 61 Jah­ren nach Zürich, als sie bereits eine ange­se­he­ne Intel­lek­tu­el­le war.: Wäh­rend des Kriegs muss­te sie, wie alle Juden, die Über­wa­chung der Schwei­zer Frem­den­po­li­zei fürch­ten und war in ihren Akti­vi­tä­ten sehr ein­ge­schränkt. Trotz­dem war sie der Schweiz zuge­neigt. Sie nann­te sie ihre «zwei­te Hei­mat». Sie hat­te bereits als Kind vie­le Jah­re in Zürich ver­bracht. So beti­tel­te sie ein Kapi­tel über die Schweiz in ihrer: «Emi­gra­ti­on in die Hei­mat». Auch die Spra­che war ihr sym­pa­thisch. Für sie und ande­re Jüdin­nen und Juden war Deutsch belas­tet. Schwei­zer­deutsch erleb­te sie als guten Kom­pro­miss, um dem deut­schen Klang aus­zu­wei­chen und gleich­wohl in der Mut­ter­spra­che zu kom­mu­ni­zie­ren. Sie schrieb hier ihre wich­tigs­ten Werke.

NL: Was war Sus­mans Posi­ti­on in der deutsch-jüdi­schen Nachkriegszeitsdebatte? 

OF: Mar­ga­re­te Sus­man gab die deut­sche Kul­tur nie auf, selbst als sich ihr Land gegen sie wand­te. Und sie dreh­te nicht­jü­di­schen Men­schen nie den Rücken zu. Sie bot sich wie­der­holt als Brü­cken­baue­rin zwi­schen den Kul­tu­ren und Reli­gio­nen an: Sie war von der Idee des inter­re­li­giö­sen Dia­logs über­zeugt, lan­ge bevor das mehr­heits­fä­hig wur­de. Und sie setz­te sich für den Schutz aller Men­schen, unab­hän­gig ihrer Her­kunft, ein. Am meis­ten wird aber wohl die Erin­ne­rung an Mar­ga­re­te Sus­man von ihrer Beschrei­bung Hiobs als ulti­ma­ti­ve, uni­ver­sel­le Ver­kör­pe­rung mensch­li­chen Lei­dens geprägt sein.

NL: Oded, vie­len Dank für Dei­ne Ein­schät­zung die­ser ein­drück­li­chen Frau.

verfasst am 03.11.2022