Kunst im Museumshof

Ein Gespräch mit Fabio Luks

Stei­ne mit Eigenleben
Fabio Luks im Gespräch mit Dr. Nao­mi Lub­rich, der Direk­to­rin des Jüdi­schen Muse­ums der Schweiz.

NL: Herr Luks, Sie sind ein kon­zep­tu­ell arbei­ten­der Künst­ler. Sie pro­du­zie­ren Wor­te, Sie kom­men­tie­ren Räu­me. Vor dem Kunst­haus Gren­chen instal­lier­ten Sie lebens­gross das Wort «Jetzt», das in sich zusam­men­fällt. Im Jüdi­schen Muse­um der Schweiz stel­len Sie im Hof zwi­schen mit­tel­al­ter­li­chen Grab­stei­nen Nach­bil­dun­gen mit dem hebräi­schen Wort CHAI («leben­dig») her. Ist das Reduk­ti­on, oder ist das Ironie?

FL: Ja, Sie lie­gen mit «Iro­nie» nicht ganz falsch: Ich lese gera­de ein Buch, das die The­se ver­tritt, dass die Kunst und der Witz Poin­ten set­zen müs­sen. Die Poin­te bei CHAI wäre, dass die Grab­stei­ne den Toten geden­ken, sie aber inso­fern leben­dig hal­ten, als dass sie die Erin­ne­rung an sie bewah­ren. Aber auch die «Reduk­ti­on» ist nicht ver­kehrt. Denn mei­ne Arbeit ent­wi­ckel­te sich zur immer grös­se­ren Prä­gnanz. Habe ich zunächst gan­ze Gedan­ken­gän­ge for­mu­liert, so wur­den das spä­ter kur­ze Phra­sen und zuletzt ein­zel­ne Wor­te. Seit ich als Künst­ler tätig bin, fas­se ich mich immer kürzer.

NL: Das wäre in unse­rem Fall die Ent­wick­lung von «Grab­stei­nen, die vom Leben erzäh­len» zu «leben­dig»?

FL: Das Wort «Chai», also «leben­dig», kam mir sofort in den Sinn für die Instal­la­ti­on im Innen­hof des Muse­ums. Das Leben hat im Juden­tum den höchst­mög­li­chen Stel­len­wert. Das Leben ist unein­ge­schränkt schüt­zens­wert. Und das Leben ist mit dem Wort eng ver­bun­den. Ich den­ke an den Golem, der durch das Wort zum Leben erwacht. Er besteht aus Ton, aber als Rab­bi Löw ihm magi­sche Schrift­zei­chen ein­ritzt, erhält er ein Wesen. In gewis­ser Wei­se ist das bei den Grab­stei­nen nicht anders. Vor acht­hun­dert Jah­ren schrieb man die Namen der Toten auf Stei­nen. Heu­te sind es die­se Zei­chen, die den Stei­nen eine Bedeu­tung, ein Eigen­le­ben geben. Sie machen aus Mine­ra­li­en Menschen.

NL: Wie kamen Sie zur Kunst? Wann haben Sie es sich erst­mals zur Auf­ga­be gemacht, ein Wort in Gross­for­mat zu produzieren?

FL: Zu Beginn habe ich Text­bil­der gemalt und will­kür­lich auf­ge­schrie­ben, was mir durch den Kopf ging, wie beim auto­ma­ti­schen Schrei­ben. Mich inter­es­sier­ten aber bald mehr die Tex­te, weni­ger die Bil­der. Ich woll­te mit Wor­ten den Moment ein­fan­gen. Ich woll­te die Betrach­ter direkt anspre­chen. Ich such­te Wor­te, die mehr­deu­tig und spie­le­risch sind. Bald traf ich die Ent­schei­dung, die Bil­der weg­zu­las­sen und mich nur auf den Text zu kon­zen­trie­ren. Das war, wenn man so will, eine selbst auf­ge­leg­te Einschränkung.

NL: Ein­schrän­kun­gen för­dern bekannt­lich Kreativität…

FL: (Lacht). Das sagen Sie! Viel­leicht grei­fe ich bald wie­der auf die Bil­der zurück, denn die Ein­schrän­kun­gen machen krea­tiv, aber nur für eine gewis­se Zeit­span­ne, zumin­dest bei mir.

NL: Wer sind Ihre künst­le­ri­schen Vorbilder?

FL: Mich inter­es­sie­ren vor allem Künst­ler des 20. Jahr­hun­derts: Mar­cel Duch­amp, die Nou­veaux Réa­lis­tes, Jean Tin­gue­ly, die Fal­len­bil­der von Dani­el Spo­er­ri, Pop Art, Mar­tin Kip­pen­ber­ger, Jean-Michel Bas­qui­at und Tho­mas Hirsch­horn. Sie sind das Pan­ora­ma mei­ner «male influ­ence», wenn man so will.

NL: Sie sind jeden­falls alle Künst­ler mit Humor.

FL: Genau.

NL: Sie stu­dier­ten zunächst Phi­lo­so­phie und Juda­is­tik in Basel. Wie präg­te das Stu­di­um Ihre Kunst?

FL: Sowohl Phi­lo­so­phie wie auch Juda­is­tik sind text­ver­lieb­te Fächer, sie laden zum Asso­zi­ie­ren ein, sie fas­sen Begrif­fe. Ich erin­ne­re mich an frucht­ba­re Dis­kus­sio­nen zu The­men wie Autor­schaft, Zeug­nis­se, Noti­zen. Gan­ze Semi­na­re wid­me­ten sich Fra­gen wie «Was ist ein Moment?», «Wie kann man einen Augen­blick ein­fan­gen?», «Gibt es ein ‹Jetzt›, das nicht immer schon weg ist?» Das sind The­men, die ich in mei­ner Arbeit behandle.

NL: Und Judaistik?

FL: Die Ver­wer­fung des Bil­des, die Besin­nung auf den Text – ist das nicht ein ide­al­ty­pisch-jüdi­scher Weg?

NL: Was lernt man im Stu­di­um zum jüdi­schen Bilderverbot? 

FL: Vom Bil­der­ver­bot wuss­te ich lan­ge vor dem Stu­di­um, ich mach­te mir aber vor mei­ner Zeit als Künst­ler nie dazu Gedan­ken. Dem­nach müss­te jüdi­sche Kunst immer eine abs­trak­te Kunst sein. Das hät­te aber ein Künst­ler wie Chagall sicher­lich anders gesehen.

NL: Juden gel­ten als «Volk des Buches».

FL: Ja, ich den­ke an den Begriff des «por­ta­ti­ven Vater­lands» vom Schrift­stel­ler Hein­rich Hei­ne. Spra­che und Tex­te prä­gen unser Leben – das ist etwas, was mich immer wie­der fas­zi­niert. Wir leben alle in unse­ren Fiktionen.

NL: Und das bestim­men­de The­ma unse­rer Zeit, die Iden­ti­tät? Bei Ihnen sehe ich nicht auf den ers­ten Blick eine star­ke Aus­ein­an­der­set­zung mit dem eige­nen Partikularismus.

FL: Das kommt viel­leicht noch! (Lacht). Ich ent­wick­le tat­säch­lich gera­de ein Pro­jekt zur Iden­ti­tät – aller­dings zur Iden­ti­tät des Künst­lers und des­sen Rol­le in der Gesell­schaft. Die Kunst ist heu­te, anders als bei den gros­sen Meis­tern, kein kla­res Berufs­feld mehr. Die meis­ten Künst­le­rin­nen und Künst­ler kön­nen nicht davon leben. Gleich­zei­tig bil­den die Kunst­schu­len immer mehr Stu­die­ren­de aus. Und die Erwar­tun­gen an die Kunst sind riesig.

NL: Der Künst­ler als moder­ner Mes­si­as? In Ihrem Werk jeden­falls kein rein «jüdi­scher»; denn neben der jüdi­schen Tra­di­ti­on bedie­nen Sie sich ande­rer Tra­di­tio­nen. Die Farb­kom­bi­na­ti­on der Panee­le haben Sie aus dem Buch A Dic­tion­a­ry of Color Com­bi­na­ti­ons von San­zo Wada. Ist es ein bewuss­tes post­mo­der­nes Refe­ren­cing, das Sie machen – oder ein­fach der Spie­gel einer Zeit des weit ver­brei­te­ten Zitierens?

FL: Ich bin offen gegen­über Künst­le­rin­nen, Quel­len und Ideen und möch­te nicht jede Ein­zel­heit selbst ent­schei­den. Ich grei­fe auf Hilfs­mit­tel zurück, ohne mir den Kopf zu zer­bre­chen. Bewuss­tes und unter­be­wuss­tes Zitie­ren gehört bei mir ein­fach dazu.

NL: In der Zeit der fort­schrei­ten­den Digi­ta­li­sie­rung pro­du­zie­ren Sie ana­lo­ge Objek­te per Hand. Sie arbei­ten nicht am Screen, nut­zen kei­nen 3‑D-Druck. Ihre Arbeits­wei­se ist kaum anders als in bibli­schen Zei­ten. Ist das Teil Ihres künst­le­ri­schen Konzepts?

FL: Naja, also wie in bibli­schen Zei­ten ist das nicht. (Lacht). Und auf die Gefahr hin, Sie sehr zu ent­täu­schen, sind die Mate­ria­li­en, die ich nut­ze, neu und inno­va­tiv. Es sind Hart­schaum­plat­ten, die leicht und ein­fach zu schnit­zen sind. Ich beschich­te sie mit Acrys­tal und bema­le sie mit Acryl. Und ich mache tat­säch­lich Visua­li­sie­run­gen am Screen. Ich wäre auch nicht abge­neigt, einen 3‑D-Dru­cker zu ver­wen­den, soll­ten sich Pro­jek­te erge­ben, für die der 3‑D-Druck sinn­voll (und finan­zier­bar) wäre. Aber ich arbei­te nicht ger­ne aus­schliess­lich am Rech­ner. Ich mag die kör­per­li­che Arbeit sehr ger­ne. Und durch­aus auch den Dia­log – sogar Interviews.

NL: Das ver­ste­he ich als sym­pa­thi­schen Hin­weis. Vie­len Dank für das Gespräch.

Aus­stel­lungs­heft

verfasst am 17.12.2021