«Eine erbauliche Geschichte mit einem sympathischen Waisenkind»
Nurit Blatman über Johanna Spyris Kinderbuch Heidi in Israel
Das Jüdische Museum der Schweiz hat eine hebräische Ausgabe des Kinderbuchs Heidi aus dem Jahr 1950 erworben. Dazu angeregt hat es die Kulturwissenschaftlerin Nurit Blatman, die zur Heidi-Rezeption in Israel geforscht hat und eine dazugehörige Ausstellung in Zürich und München kuratiert hat. Museumsdirektorin Naomi Lubrich sprach mit ihr über Waisenkinder in Israel, über künstlerische Freiheit bei der Übersetzung sowie über das Bild des Schweizer Idylls in Israel.
Naomi Lubrich: Liebe Nurit, Du hast über die israelische Rezeption des Kinderbuchs Heidi geforscht. Wie kamst Du auf das Thema?
Nurit Blatman: Ich finde Populär- und Kinderliteratur spannend und sehe, welch grosse Bedeutung sie für unsere Gesellschaft haben. Gleichzeitig beschäftige ich mich mit jüdischer Identität und Kultur. Als ich an der Universität Zürich meinen Master absolvierte, kooperierte unser Institut mit dem Landesmuseum Zürich für die Ausstellung «Heidi in Japan» (2019), die die Entstehung des bekannten «Heidi»-Animes 1974 beleuchtete. In diesem Zusammenhang tauschte ich mich mit dem Literaturwissenschaftler und «Heidi»-Experten Peter Büttner aus. Er sammelt «Heidi»-Übersetzungen und wies mich auf die hebräische Ausgabe hin. Ich verliebte mich in «Heidi Bat HaAlpim» «Heidi, Tochter der Alpen», eine faszinierende Übersetzung aus dem Jahr 1946. Ihr folgten weitere hebräische Übersetzungen. So entschied ich mich, über «Heidi in Israel» zu forschen.
NL: Was waren die wichtigsten Ausgaben des Buchs auf Hebräisch?
NB: «Heidi» wurde mehrfach ins Hebräische übersetzt. Darunter sind lange Gesamtausgaben sowie Zusammenfassungen von nur fünf Seiten. Innerhalb der vergangenen achtzig Jahren sind 25 Übersetzungen erschienen. Den Grundstein legte Israel Fishman mit der ersten hebräischen Übersetzung 1946. Danach folgten Neuauflagen und neue Übersetzungen, denn in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte und modernisierte sich die hebräische Sprache, was man anhand der neuen «Heidi»-Übersetzungen nachverfolgen kann. Die Ausgaben der 1950er, 60er und 70er Jahren waren meist Kurzfassungen, die den zweiten Romanteil ausliessen oder stark kürzten. Shlomo Nitzan brachte eine längere Fassung 1983 heraus, die eine grosse Leserschaft fand und bis heute erhältlich ist. Zuletzt veröffentlichte 2020 die Kinderbuchforscherin und Übersetzerin Dr. Hanna Livnat eine umfangreiche und originalgetreue Übersetzung der beiden Romanteile.
NL: Welche Wirkung hatte das Buch für die israelische Psyche nach der Schoa?
NB: Zum Einen fanden viele Waisenkinder nach der Schoa ihren Weg nach Israel. Es galt, ihnen eine erbauliche Geschichte zu erzählen mit einer sympathischen Waisenkind-Figur, mit der sie sich identifizieren konnten. Zum Anderen wollte man sich nach der Schoa im jungen Staat Israel von Deutschland distanzieren. Über die Verfolgung wollte (und konnte) man nicht sprechen. Viel mehr wurde der Fokus auf die neue Heimat und die neue Identität gelegt. Doch die Integration fiel vielen deutschsprachigen Juden schwer. Israel war eine andere Lebensumgebung als jene, die man aus Deutschland gewohnt war. Viele fanden sich in einer widersprüchlichen Situation: Einerseits wollten sie die Vergangenheit zurücklassen und in Palästina neu anfangen. Sie sollten die hebräische Sprache lernen und sich mit dem jungen Land identifizieren. Andererseits fühlten viele sich der deutschsprachigen Kultur verbunden. Dieses ambivalente Verhältnis spiegelt sich in der Heidi-Übersetzung: Beim deutschsprachigen Buch handelte es sich um ein Werk aus der Schweiz und nicht aus Deutschland, was in der unmittelbaren Nachkriegszeit einen grossen Unterschied machte. Die Leserschaft konnte über ihre vertraute Heimat lesen – ohne ein deutsches Buch dafür in die Hand zu nehmen. Die schwierige Beziehung zu Deutschland lässt sich auch daran erkennen, dass die positiv konnotierten Figurennamen zeitweise ins Französische übersetzt wurden. Peter hiess Pierre, die Familie Sesemann hiess Gérard. In Übersetzungen ab 1960 wurden sie wieder «Peter» und «Sesemann». Auch der Titel wurde unterschiedlich übersetzt: Die Erstausgabe von «Heidi» hiess «Heidi Bat HaAlpim» («Heidi, Tochter der Alpen») in Bezug auf die europäischen, insbesondere die Schweizer, Alpen. Spätere Übersetzungen machen aus den «Alpen» «Berge», was für ein junges israelische Publikum leichter verständlich und fassbarer war. An den Übersetzungen merkt man, dass sie sich dynamisch an die historischen Begebenheiten anpassen. «Heidis» Adaptionen geben Einblick in den Zeitgeist.
NL: Wie hat Heidi das Bild der Schweiz in Israel geprägt?
NB: «Heidi» hat nicht nur in Israel, sondern international das Bild der Schweiz geprägt, nicht umsonst ist die Schweiz als «Heidiland» bekannt. In Israel ist dies nicht anders: Auch dort wird die Schweiz mit der Alpenwelt, mit Schokolade und Käse assoziiert. Die Buchtitelseiten der verschiedenen Ausgaben bilden oft die Natur, Tannenbäume, Berge und eine Heidi ab, die blonde Zöpfe trägt, wenngleich dies nicht zur Beschreibung im Buch passt. Auch international ist die blonde Heidi allgegenwärtig. «Heidi» steht bis heute in Israel für Alpenidylle und für die Naturliebe. Auf Tourismusseiten und in Reiseempfehlungen ist oft zu lesen, dass man hier «Heidi» begegnen kann. Auch in den Sozialen Medien ist «Heidis» Schweiz bei israelischen Nutzer:innen ein wiederkehrendes Motiv. Das führt zu Kommentaren wie die einer israelischen Familie, die Sukkot in der Schweiz verbrachte, dass sie in der «Sukka von Heidi» waren.
NL: Liebe Nurit, vielen Dank für Deinen Einblick in Heidi Bat HaAlpim, wir sind gespannt auf Deine weitere Forschung.
verfasst am 01.07.2025
Illustration: Emma Schweizer

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