Innenansicht des Betsaals in Solothurn kurz vor dessen Auslösung 1981.
Innenansicht des Betsaals in Solothurn kurz vor dessen Auslösung 1981.
Innenansicht des Betsaals in Solothurn kurz vor dessen Auslösung 1981.
Innenansicht des Betsaals in Solothurn kurz vor dessen Auslösung 1981.
Innenansicht des Betsaals in Solothurn kurz vor dessen Auslösung 1981.
«Keine Synagoge, nur ein Betsaal. Wir nannten es d’Schul.»
Robert Dreyfus über den ehemaligen Betsaal in Solothurn
Fast einhundert Jahre war ein kleiner Betsaal am Oberen Winkel 3 Versammlungsort der Solothurner jüdischen Gemeinde. Eingerichtet 1893, wurde er ca. 1981 aufgelöst, als die Gemeinde auf eine Handvoll Familien geschrumpft und der Saal kostspielig renovierungsbedürftig geworden war. Das Jüdische Museum der Schweiz übernahm eine Tora-Rolle und die Einrichtung, die Jüdische Gemeinde Bern zwei Tora-Rollen. Historikerin Barbara Häne befragte Robert Dreyfus, Präsident der Jüdischen Gemeinde Solothurn seit 1988 und Nachkomme einer Familie, die seit Generationen zur Gemeinde gehört, über den Saal und über die Objekte.
Barbara Häne: Lieber Herr Dreyfus, Ihr Urgrossvater erlebte die Eröffnung des Betsaals am Oberen Winkel, Wie verlief die Entscheidung über dessen Auflösung?
Robert Dreyfus: Anfang 1980er Jahre hat die Stadt Solothurn der Gemeinde mitgeteilt, dass die elektrische Einrichtung des ganzen Hauses, in dem sich auch der Betsaal befindet, nicht mehr konform sei und renoviert werden müsse, da sonst Brandgefahr bestehe. Also wurde eine Offerte eingeholt, die jedoch zeigte, dass die Kosten für die Gemeinde untragbar wären. Ein Architekt aus Solothurn bot der Jüdischen Gemeinde Geld für das Haus, ein Angebot, dass die Gemeinde praktisch akzeptieren musste. Und so hat man beschlossen, das Haus mit dem Betsaal zu verkaufen und das Inventar dem Jüdischen Museum der Schweiz vorerst als Leihgabe zu überlassen (später in Eigentum übergegangen).
BH: Zu den Möbeln gehörte auch eine Wanduhr der Firma Junghans.
RD: Diese Uhr hing an der Aussenseite des Betsaals. Mein Grossvater, Jules Dreyfus, hat sie 1908 der Gemeinde gespendet. Es war Ehrensache, dass man den Schabbat-Eingang zur Minute genau angefangen hat.
BH: Eine der Bänke trägt den Namen Ihres Grossvaters. Aber was sind die Einritzungen daneben?
RD: «Narrenhände beschmutzen alle Wände» kann man sagen. Als Knaben haben wir natürlich auch unseren Teil zu den Einritzungen beigetragen, wenn uns langweilig wurde. Jules Dreyfus war mein Grossvater, «M.D» ist mein Bruder Max, und «R.», nun ja, das war ich.
BH: Ein rätselhaftes Objekt ist ein Pokal des Solothurner Kantonalen Schützenfests 1882, offenbar ein Geschenk Salomon Hess-Sribers, eines Tuch- und Möbelhändlers. Schützenfeste dienten als sportliche Anlässe, als vaterländische Kundgebungen und politische Bühnen zur Feier der wehrhaften Schweiz. Weshalb war der Pokal im Betsaal?
RD: Im Betsaal wurde der Pokal als Kiddusch-Becher, das heisst als Becher für den Segensspruch über dem Wein verwendet. Meine Erinnerungen daran sind die eines Knaben: Mein Vater – oder war es Herr Levy oder einer der Herren Leval – brachten an einem Hohen Feiertag oder an einem Schabbatabend eine Flasche Wein in den Betsaal mit, sie sprachen den Kiddusch und füllten den Becher. Als sie fertig waren, haben wir Jungen auch einen Schluck bekommen. Nachher haben wir den Becher noch auswaschen müssen. Entweder Wormser oder einer der Leval-Jungen oder mein Bruder Max und ich, wir haben dort auch noch einmal einen Schluck genommen.
BH: Lieber Herr Dreyfus, vielen Dank für Ihre Erinnerungen.
verfasst am 29.04.2025
© Archiv Kantonale Denkmalpflege Solothurn, Fotos: Markus Hochstrasse 1981.

Uri Kaufmann über das Vermächtnis eines untergegangenen Judentums

Qeto Gotsiridze über den Basler Rabbiner Dr. Arthur Cohn






