«Wir verteilen koscher-halal Gummibärchen und machen uns damit beliebt»
Über die jüdisch-muslimischen Führungen
Sarah-Maria Hebeisen und Omar Ibrahim über die jüdisch-muslimischen Führungen
Seit dem Wiederaufflammen des Nahostkonflikts 2023 bietet das Jüdische Museum der Schweiz jüdisch-muslimische Führungen an, mit zwei Guides, einem mit jüdischem und einem mit muslimischem Hintergrund. Was ist nach zwei Jahren die Bilanz? Sarah-Maria Hebeisen und Omar Ibrahim, die zusammen zahlreiche Führungen geleitet haben, blicken mit Museumsdirektorin Naomi Lubrich auf hoffnungsvolle, teils anspruchsvolle, Begegnungen zurück.
Naomi Lubrich: Liebe Sarah-Maria, Du hast unsere jüdisch-muslimischen Führungen konzipiert und nun bald 40 Workshops geleitet. Was ist Deine Bilanz?
Sarah-Maria Hebeisen: Mein Fazit ist gemischt. Manche Gruppen waren redselig und neugierig, manche kamen aber mit vorgefertigten Meinungen und starren Positionen. Wir haben vor allem Gruppen mit einem hohen Anteil an muslimischen Schüler:innen. Ihre Lehrpersonen sind oft unsicher im Bezug auf den Konflikt. Viele wünschen sich Unterstützung, um vor der Klasse ihre professionelle Neutralität zu bewahren. So hat die Aktualität wie auch die Notwendigkeit, diese Themen aufzuarbeiten, keineswegs nachgelassen.
NL: Du arbeitest gerne dialogisch. Womit hast Du gute Erfahrungen gemacht?
S‑MH: Wir besprechen beispielsweise grundlegende Begriffe wie jüdisch, israelitisch, israelisch, muslimisch, islamisch oder islamistisch. Viele merken erst dann, wie komplex das Thema ist, und wie wichtig es ist, die richtigen Wörter zu verwenden. «Islamisch» ist nicht «islamistisch». «Israelitisch» ist nicht gleich «israelisch», damit haben viele schon Mühe. Auch die Unterscheidung zwischen «arabisch» und «muslimisch» fällt vielen schwer. Erst mit dem richtigen Vokabular kann ein konstruktiver Dialog entstehen. Auch wenn wir vor allem mit Schulklassen arbeiten, ist die Aufklärung auch für Erwachsene produktiv. Auch sie kommen nicht ohne Weiteres an zuverlässige Informationen.
NL: Lieber Omar, dass Du Schulklassen im Jüdischen Museum begrüsst, ist wichtig. Warum?
Omar Ibrahim: Mit meinem Namen, meinem Aussehen, meiner Sozialisation und meinen Studien wirke ich anders als ein Workshopleitender, den man im Jüdischen Museum erwarten würde. Identifikation wird hier möglich. Allein schon meine Anwesenheit zeigt, dass auch Araber:innen und Muslim:innen für den Dialog und den Austausch mit der jüdischen Seite offen sind. Dies ist heutzutage äusserst relevant.
NL: Was ist an der Arbeit mit Jugendlichen besonders?
OI: Heranwachsende stehen vor der Herausforderung, sich zur Welt in ein Verhältnis zu setzen. Das gehört allgemein zur Bildsamkeit des Menschen. Aber mit unzuverlässigen Informationen, wie in der heutigen Zeit, fällt das schwer. Umso wichtiger ist es, dass Heranwachsende sich in einem sachlichen Kontext wie einem Museum austauschen und bilden können.
NL: Spielt es eine Rolle, dass Du Atheist bist?
OI: Ich bin kein dezidierter Atheist. Mein verstorbener Vater war Muslim, folglich bin ich auch Muslim. Ich praktiziere jedoch den islamischen Glauben nicht im Sinne der sunnitischen Lebensform. Mein Bezug zum Islam ist philosophischer und wissenschaftlicher Natur. Das zeigt sich auch in meinen Studien. Wenn Heranwachsende Personen begegnen, die sich mit Religionen auskennen und auseinandersetzen, kann dies dazu beitragen, dass sie sich ergebnisoffen mit diesen Themen und Lebensformen beschäftigen.
NL: Mit welchem Vorwissen kommen die Schulklassen ins Museum?
S‑MH: In der Regel bereiten Lehrpersonen den Besuch im Unterricht vor, sodass einige Aspekte, wie die Zionistenkongresse, die in Basel stattfanden, oder die Gründung Israels 1948, bekannt sind. Jugendliche informieren sich vor allem durch die Sozialen Medien, doch meist handelt es sich dabei um Parolen und Vereinfachungen.
NL: An welchem Teil der Führung merkst Du, dass ein Umdenken oder wenigstens ein Verständnis der Komplexität des Themas stattfindet?
S‑MH: Oft sind es alltägliche Gemeinsamkeiten, manchmal Nebenbemerkungen, wie etwa, dass Schweinefleisch im Judentum und im Islam verboten ist, die Verständnis und Sympathie für die andere Seite ermöglichen. Dafür verteilen wir am Ende der Stunde immer koscher-halal Gummibärchen. Damit machen wir uns sehr beliebt!
OI: Zu zeigen, wie viel Gemeinsames in der jüdisch-muslimischen Kulturgeschichte ist, wie sich einzelne Begriffe definieren lassen oder welche Vorurteile haltlos sind, schafft die Bedingungen für eine Auseinandersetzung. Ob sich die Jugendlichen nachhaltig öffnen, bleibt jedoch ungewiss. Wir können den Bildungsprozess nur ermöglichen. Dies versuchen wir, indem wir das Problembewusstsein der Komplexität jener Thematiken nicht künstlich reduzieren, zugleich aber auch dialogisch aufbereiten und vermitteln.
NL: Liebe Sarah-Maria, lieber Omar, Eure Arbeit ist schwierig, aber wichtig. Vielen Dank für Euer Engagement! Wir bedanken uns auch sehr herzlich bei der Vontobel-Stiftung, der Sulger-Stiftung sowie der Fachstelle für
Rassismusbekämpfung FRB des EDI und weiteren Förderpartner:innen, die dieses wichtige Projekt unterstützt haben.
verfasst am 31.03.2026

23. April 2026
18:30 Uhr


