Jüdisches Schul- und Gemeindehauses in Gailingen, 1936
Ehemaliges jüdisches Schul- und Gemeindehaus in Gailingen, heute: Jüdisches Museum Gailingen
Innenraum der Synagoge von Hégenheim
Ehemalige koschere Metzgerei, Niederhagenthal
Ehemalige Synagoge von Hégenheim, 1821 errichtet
«Von den Landgemeinden zeugen nur noch die Gebäude.»
Uri Kaufmann über das Vermächtnis eines untergegangenen Judentums
Dr. Uri R. Kaufmann, Experte für das Judentum im Elsass und im süddeutschen Raum, ist derzeit Lehrbeauftragter der Sigi Feigel-Stiftung für Jüdische Studien der Universität Zürich. Mit Historikerin Dr. Barbara Häne sprach er über Viehhandel, Militärdienst und die verlassenen Gebäude des einst weitreichenden Netzes jüdischer Landgemeinden.
Barbara Häne: Lieber Herr Kaufmann, Sie haben zu jüdischen Viehhändlern, die aus dem Elsass und dem südbadischen Raum in die Schweiz einwanderten, geforscht. Wie sind die Beziehungen zu den heutigen jüdischen Gemeinden?
Uri Kaufmann: Im 18. und 19. Jahrhundert handelten Juden auf dem Land in der Schweiz, insbesondere mit Vieh. Viehhandel war Vertrauenssache: Beziehungen zu Kunden verliefen oft über mehrere Generationen. Als Juden die freie Niederlassung in der Schweiz 1864/66 gewährt wurde, verlegten viele ihren Wohnsitz, um in grösserer Nähe ihrer Kunden zu sein. Schon früher, um 1805, gründeten Jüdinnen und Juden aus dem Sundgau die Israelitische Gemeinde Basel. Aus Endingen-Lengnau zogen viele in die nahe Kleinstadt Baden und später nach Zürich. Und in St. Gallen entstand eine jüdische Gemeinde grösstenteils aus Gailinger und Hohenemser Jüdinnen und Juden.
BH: Die jüdischen Stadtgemeinden florierten – und die Landgemeinden?
UK: Nach 1850 wurde das Eisenbahnnetz ausgebaut. Plötzlich fanden sich elsässische Dörfer wie Hégenheim, Niederhagenthal oder Durmenach isoliert. Die Transportwege des Viehhandels änderten sich, von Vorteil war der Zugang zur Eisenbahn. Die Betriebe setzten von Klein- zu Grosshandel um: Eliteverbände betrieben Handel im grossen Stil. Landhandel und Landwirtschaft gerieten unter Druck. Junge Männer suchten sich prestigeträchtigere Berufszweige: Wer einst als Hausierer arbeitete, wurde Tuchhändler. Dass jüdische Landgemeinden gerade im Elsass unter Abwanderung litten, hatte auch einen politischen Grund: Das Elsass wurde ab 1870 deutsch. Viele junge jüdische Männer wollten den Militärdienst in der preussischen Armee vermeiden und liessen sich in der Schweiz nieder. Die schöne Synagoge von Hégenheim nahe Basel war nach 1912 weitgehend verwaist.
BH: Wie waren die jüdisch-christlichen Beziehungen?
UK: Pauschal kann man über interkonfessionelle Beziehungen nicht sprechen. In den Dörfern Endingen und Lengnau gab es im Alltag viele Berührungspunkte, aber keine konfessionsgemischten Ehen. In instabilen politischen Zeiten kam es zu antisemitischen Ausschreitungen: Als Juden 1861 in Endingen freie Bürgerrechte forderten, brach Gewalt aus. Im Elsass fand dieser Prozess aufgrund der Französischen Revolution früher statt, auch wenn die bürgerliche Gleichstellung lange brauchte, um im ländlichen Raum anzukommen. Jüdische Schulen wurden beispielsweise nicht durchweg als écoles communales anerkannt. In Durmenach und vielen anderen Elsässer und Badischen Orten kam es nach der Pariser Februarrevolution 1848 zu Pogromen.
BH: Was ist das Vermächtnis der Landgemeinden heute?
UK: Viele jüdische Familien aus den einstigen Landgemeinden, die bereits im 19. Jahrhundert in die Schweiz gezogen waren, überlebten die Schoa. In Frankreich verlegten die elsässischen Stadtverwaltungen 1939 ihren Sitz in den Süden des Landes, was vielen Menschen das Leben rettete, die jüdischen Landgemeinden im Elsass jedoch menschenleer zurückliessen. Nach dem Krieg kehrten Jüdinnen und Juden mit elsässischen Wurzeln vor allem nach Strasbourg, Colmar und Mulhouse zurück. Von den ursprünglichen Landgemeinden zeugen oft nur noch die Gebäude, wie zum Beispiel die ehemalige Synagoge in Hégenheim, die heute als Kulturzentrum genutzt wird.
Mit dem Kulturerbe wird unterschiedlich umgegangen: Während in Deutschland besonders seit den 1980er Jahren vieles für den Erhalt des jüdischen Kulturerbes getan wird, hielt sich in Frankreich lange Zeit der Mythos der französischen Résistance, was eine Auseinandersetzung mit der eigenen judenfeindlichen Vergangenheit bis ins neue Jahrtausend weitgehend verhinderte.
BH: Lieber Herr Kaufmann, vielen Dank für diesen Einblick.
verfasst am 20.05.2025

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