Franzsika Rogger, Foto: Kusano Yoshiko, Illustration: Emma Schweizer

«In den Matrikeln wurde nicht nach der Religion gefragt.»

Franziska Rogger über einen Meilenstein der Schweizer Bildungspolitik

Dr. Fran­zis­ka Rog­ger, His­to­ri­ke­rin und Archi­va­rin, forscht über Anna Tumar­kin, eine der ers­ten jüdi­schen Stu­den­tin­nen der Schweiz und die ers­te Pro­fes­so­rin Euro­pas, die Pro­mo­tio­nen und Habi­li­ta­tio­nen abneh­men durf­te. Sarah-Maria Heb­ei­sen, Juda­is­tin am Jüdi­schen Muse­um, sprach mit ihr über die Schweiz als bil­dungs­po­li­ti­sche Vor­rei­te­rin, über die schwei­ze­risch-rus­si­schen Bezie­hun­gen und über die dama­li­ge Angst vor Revolutionärinnen.

Sarah-Maria Heb­ei­sen: Lie­be Frau Rog­ger, die Uni­ver­si­tät Bern liess 1874 Frau­en zum Stu­di­um zu. War das früh?

Fran­zis­ka Rog­ger: Ja, sehr früh sogar. Zürich, Bern, Genf und Paris waren die ers­ten Uni­ver­si­tä­ten, die Frau­en auf­nah­men. Die ers­te Dok­to­ran­din war die rus­si­sche Medi­zi­ne­rin Nadesch­da Suslo­wa in Zürich. Sie wur­de in Russ­land bekannt und inspi­rier­te vie­le Lands­män­nin­nen, ihr an die Uni­ver­si­tät zu folgen.

SH: Wes­halb kamen so vie­le Stu­die­ren­de aus Russland?

 FR: Die dor­ti­gen Auf­nah­me­re­geln ver­hin­der­ten vie­len das Stu­di­um, Frau­en war das Stu­di­um gänz­lich ver­bo­ten, Juden wur­den durch Quo­ten behin­dert. Zudem ent­flo­hen Oppo­si­tio­nel­le der zaris­ti­schen Willkür.

SH: Zar Alex­an­der II. ging so weit, Frau­en das Stu­di­um sogar an der Uni­ver­si­tät Zürich zu ver­bie­ten. Warum? 

 FR: Der Zar fürch­te­te sich vor Revo­lu­tio­nä­rin­nen. Sie waren sei­ner Ansicht nach blut­rüns­ti­ger als die Män­ner. Er ver­bot ihnen des­halb das Stu­di­um in Zürich und droh­te, bei Zuwi­der­hand­lung ihnen die Aus­übung ihres Berufs im Zaren­reich zu ver­bie­ten. 1873 flo­hen des­halb vie­le wei­ter, etwa nach Bern. In Bern schrie­ben sich vie­le Stu­den­tin­nen ein, vor allem in der Medi­zin. In man­chen Semes­tern waren die Schwei­zer Män­ner in den medi­zi­ni­schen Hör­sä­len in der Minderzahl.

SH: Bevor­zug­ten jüdi­sche Stu­die­ren­de die Schweiz oder stu­dier­ten sie auch anders­wo in hoher Zahl?

 FR: Da in den Matri­keln nicht nach der Reli­gi­on gefragt wur­de, ist das nicht zu beant­wor­ten. Bekannt ist, dass der Ber­ner Medi­zi­ner Gus­tav Valen­tin der ers­te unge­tauf­te jüdi­sche Pro­fes­sor an einer deutsch­spra­chi­gen Uni­ver­si­tät war. Moritz Laza­rus wur­de der ers­te jüdi­sche Rektor.

SH: Wel­che Dis­kus­si­on lös­ten die rus­si­schen Stu­den­tin­nen aus?

FR: In der Medi­zin man­gel­te es an Stu­di­en­plät­zen und Lei­chen, was Unmut aus­lös­te. Die lau­ten Dis­kus­sio­nen auf nächt­li­chen Stras­sen wur­den moniert, Bom­ben-Unfäl­le und Über­fäl­le mach­ten Angst. Da die meis­ten rus­si­schen Stu­die­ren­den aber nach dem Stu­di­um ins Zaren­reich zurück­keh­ren woll­ten, ver­lief das Gan­ze glimpf­lich ab. Sie woll­ten sich poli­tisch enga­gie­ren und ihrem Beruf nach­ge­hen. Sie «dräng­ten» nicht auf den schwei­ze­ri­schen Arbeits­markt. Nach der rus­si­schen Revo­lu­ti­on kehr­ten vie­le in ihre Hei­mat zurück.

SH: 1909 wur­de Anna Tumar­kin die ers­te Frau in Euro­pa mit vol­lem Prü­fungs­recht. Wie hat sie rück­bli­ckend ihre Rol­le bewertet? 

FR: Tumar­kin genoss gros­ses Anse­hen bei ihren Schü­lern und Freun­din­nen. Ihre Men­to­ren an der Uni­ver­si­tät unter­stütz­ten sie, was ihr half, die Hin­der­nis­se zu bewäl­ti­gen. Den ver­dien­ten Lehr­stuhl erhielt sie nie, aber sie wur­de aus­ser­or­dent­li­che Pro­fes­so­rin mit den­sel­ben Rech­ten und Pflich­ten, wie sie ordent­li­che Pro­fes­so­ren hat­ten. Tumar­kin reagier­te auf die­sen Miss­stand sou­ve­rän: «Nicht auf das Schick­sal, son­dern auf das, was wir dar­aus machen, kommt es an.» Als Frau, deren Fami­lie mit den Pogro­men der Rus­sen und spä­ter den Gräu­el­ta­ten der Nazis kon­fron­tiert war, hat­ten ihr die ver­gleichs­wei­se «klei­ne­ren» Dis­kri­mi­nie­run­gen weni­ger an, den­ke ich.

SH: Lie­be Frau Rog­ger, herz­li­chen Dank für den Austausch!

verfasst am 26.08.2025