Happy Birthday, JMS!
Rückblick auf die Anfänge des Jüdischen Museums der Schweiz
2026 feiert das Jüdische Museum der Schweiz sein sechzigstes Jubiläum. Publizistin Carolina Mazacek sprach mit Nadia Guth Biasini, Tochter der Gründungsdirektorin Dr. Katia Guth-Dreyfus und Präsidentin des Vereins für das Jüdische Museum der Schweiz, und Dr. Naomi Lubrich, Museumsdirektorin, über die Entstehung des Museums, das bis heute das einzige Jüdische Museum der Schweiz ist.
Carolina Mazacek: Liebe Nadia, als das Jüdische Museum eröffnete, warst Du ein Kind. Welche Erinnerung hast Du an die Ereignisse rund um die Museumsgründung 1966?
Nadia Guth Biasini: An die Anfänge des Museums an der Kornhausgasse erinnere ich mich gut. Oftmals erschien in den ersten Jahren und auch später bei uns zuhause der Innenarchitekt und Kunsthändler Christoph Bernoulli, eine faszinierende Persönlichkeit, der ja gemeinsam mit meiner Mutter Katia für die Gestaltung und Einrichtung des Museums zeichnete. Schreiner Engel fertigte die Vitrinen an. Gegen Mittag fuhr oft Herr Wyler mit Vespa auf seinem Nachhauseweg von seiner Metzgerei am Spalenberg im Museum vorbei. Tante Olga, die beliebte Schwester meiner Grossmama Babuschka übernahm die Aufsicht während der Öffnungszeiten, die überaus familiär verlief. Die Sekretariatsarbeiten wurden zunächst von Frau Gewürz und später von Frau Bollag betreut.
In späteren Jahren kam oftmals noch der Chemiedozent Dr. Bernhard Prijs, ein Schriftgelehrter, zu Besprechungen ins Museum. Den Vorstand präsidierte in den ersten Jahren der langjährige Wirtschaftsredaktor der Nationalzeitung, Dr. Werner Meyer, mit dessen Sohn Billy ich in die Primarschule ging.
CM: Liebe Naomi, das Museum eröffnete 1966, aber der Wunsch, das Judentum im Museum zu zeigen, reicht weiter zurück.
Naomi Lubrich: Ja. In einer Ausgabe des Israelitischen Wochenblatts aus dem Jahr 1909 fand ich einen Artikel des Berners Oskar Wyler, der von seinen langjährigen Bemühungen berichtet, einen Platz im Museum für die Schweizer Jüdinnen und Juden zu suchen. Darin ruft er seine Religionsgenossen dazu auf, ihre alten Ritualobjekte zu spenden, darunter Kerzenhalter, Schabbatlampen, sowie historische Dokumente, etwa Bürgerrechtsbriefe. Er hatte sich schon 1893 für eine jüdische Vitrine im Schweizerischen Nationalmuseum engagiert. Das Grossprojekt in Zürich war damals im Entstehen begriffenen. Leider aber blieb sein Wunsch unerfüllt, denn das Schweizerische Nationalmuseum eröffnete ohne jüdische Objekte. Der Zürcher Direktor, Heinrich Angst, hatte Wyler offenbar zunächst Interesse signalisiert. Aber das Museumskomitee sagte ab – aus Platzgründen.
CM: Galten jüdische Gegenstände damals nicht als «museumstauglich»?
NL: Für Jüdinnen und Juden schon! In anderen Ländern eröffneten sie zur Jahrhundertwende nicht nur jüdische Vitrinen, sondern ganze Museen. Das erste Jüdische Musem entstand 1895 in Wien, die nächsten 1904 in New York, 1906 in Prag, 1913 in Vilnius, 1922 in Frankfurt, 1932 in London und 1933 in Berlin. Aber viele schlossen – oder mussten schliessen – mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten.
CM: Liebe Nadia, wie kam es zur Gründung des Jüdischen Museums der Schweiz nach dem Krieg?
NGB: 1963 bis 1964 wurde in Köln eine wichtige Ausstellung mit dem Titel «Monumenta Judaica» eröffnet, die Zeugnisse jüdischen Lebens entlang des Rheins zeigte. Unter den Objekten waren Leihgaben aus dem Museum für Volkskunde (heute: Museum der Kulturen), die in Basel den Krieg überlebt hatten. Eine Gruppe von Mitgliedern des Basler Vereins «Espérance» besuchte die Ausstellung und fasste den Entschluss, die Objekte nach Ausstellungsende dauerhaft auszustellen. Dafür mussten Räume und Objekte gefunden werden.
CM: Warum klappte es 1966 mit der Museumsgründung, anders als 1893?
NL: Dieses Mal waren die Basler Jüdinnen und Juden nicht auf ein anderes Museum angewiesen, sondern hatten selbst die Fäden in der Hand. Und der Bedarf an Aufklärung nach der Schoa war gross, denn das furchtbare Bild, das die Nazis von den Juden verbreitet hatten, musste korrigiert werden. Aber es gab einen dritten Umstand, der günstig war: Anfang der 1960er Jahre bereiteten sich die jüdischen Gemeinden der Schweiz auf einen wichtigen Anlass vor. 1966 sollte das einhundertjährige Jubiläum der Emanzipation, der Gleichberechtigung der Juden, gefeiert werden – und wie besser, als mit einem Museum mit schönen jüdischen Objekten.
CM: Woher bezog das Museum die Objekte?
NGB: Das Museum für Völkerkunde (heute: Museum der Kulturen) stellte seine Sammlung von Judaica zur Verfügung, dafür danken wir dessen Direktor Robert Wildhaber. Auch die folgenden Direktoren des Museums der Kulturen haben das Jüdische Museum sehr unterstützt. Meine Mutter fand jüdische Objekte auch in anderen Institutionen, etwa mittelalterliche Urkunden im Staatsarchiv und weitere jüdische Objekte in den Historischen Museen Basels und Berns sowie im Landesmuseum Zürich. Privatsammler spendeten ihre Objekte, nachdem Katia Guth-Dreyfus einen Aufruf im Gemeindeblatt drucken liess. Zu Beginn hatte die Sammlung 300 Inventarnummern, heute sind es 2200.
CM: Liebe Naomi, wie hat sich das Museum in den Gründungsjahren inhaltlich verändert?
NL: Als das Museum eröffnete, zeigte die Ausstellung vor allem die jüdische Religion. Die Gründer diskutierten darüber, ob sie auch die Schoa zum Thema machen sollten. Aber man hatte Angst, damit anzuecken. Im Protokoll der Vorstandssitzung 1965 liest man, dass das Vorstandsmitglied Dr. Bernhard Prijs sich dafür einsetzte, die Kriegsjahre 1939 bis 1945 zum Thema zu machen. Aber seine Kommissionsmitglieder waren dagegen. Sie fanden, «dass jede Polemik nach Möglichkeit vermieden werden soll». Die Wende kam aber mit der Zeit, um genau zu sagen: 1978. Auslöser war eine TV-Miniserie von Marvin Chomsky: «Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss» mit Meryl Streep in der Hauptrolle, die im Schweizer Fernsehen gezeigt wurde. Damit war die Schoa in die öffentliche Aufmerksamkeit gerückt. Zu diesem Anlass suchte Katia Guth-Dreyfus nach Objekten zur Situation der Flüchtlinge in der Schweiz, etwa Zeugnissen aus den Lagern, und richtete eine Vitrine ein.
CM: Liebe Nadia, letztes Jahr ist das Museum ins neue Haus in der Vesalgasse gezogen. Was war für Dich der Highlight beim Planen des neuen Hauses?
NGB: Es gab sehr viele schöne Momente, aber die Zusage des US-amerikanischen Künstlers, Frank Stella, dass unser Museum sein Werk «Jeziory» aus dem Jahr 1973 als Frontispiz auf unserer Fassade (in architektonische Dimensionen übertragen) anbringen dürfen, war was ganz Besonderes. Seine Tochter, Rachel Stella, nennt es Stellas «last work» – letztes Werk. Leider hat der Künstler die Enthüllung des Emblems nicht mehr erleben können, denn er starb 2024. Inhaltlich und auch szenographisch beim Entstehen der neuen Dauerausstellung mitzuwirken, fand ich eine spannende, anspruchsvolle und belebende Aufgabe. Ausserordentlich wichtig war im Rahmen des Umbaus des ehemaligen Tabaklagers, eines Hauses aus Holz ohne fliessendes Wasser, Strom und auch ohne Isolation, die Installation des Monoblocks im Dachstuhl, einer Riesenmaschine in türkiser Farbe, die unser Museumsklima garantiert und somit ein neues Museum in diesem Gebäude erst ermöglichte. Die Arbeit am Museumsbau, einem Projekt von Roger Diener und von dessen Büro Diener & Diener Architekten, war für mich und das Museumsteam überaus erfreulich. Nun freuen wir uns darüber, dass das Jüdische Museum der Schweiz seine Aufgaben in einem so angenehmen und passenden Gebäude wahrnehmen kann.
CM: Liebe Nadia, liebe Naomi, vielen Dank für das Gespräch.
verfasst am 12.06.2026
@ Elwira Spychalska
Ein Dekret, eine Schenkung und vier Fragen zu jüdischen Nachnamen

