JMS 1942.20, Gruppenfoto des Jüdischen Turnvereins Basel am Eidgenössischen Turnfest in Genf, 1925.
JMS 1942.3, Wandteller mit Motiv des Basler Münsters zum 70 Jährigen Jubiläum der JTV Männerriege.
JMS 1942.10, Medaillenband mit 26 Turnabzeichen.
JMS 1942.10, Medaillenband mit 26 Turnabzeichen.
«Der Jüdische Turnverein Basel war ein Schmelztiegel»
Claude Levy und Guy Rueff über die jüdische Sportbewegung
2020 erhielt das Jüdische Museum der Schweiz 21 Objekte aus dem aufgelösten Sportmuseum Schweiz, darunter zahlreiche Objekte des 1914 gegründeten Jüdischen Turnvereins Basel (JTV). Historikerin Barbara Häne befragte den Präsidenten der Jahre 1981 bis 1988, Claude Levy, und seinen Nachfolger, Guy Rueff, Präsident seit 1988, zur Geschichte des Jüdischen Turnvereins und zur Bedeutung seiner Abzeichen, Fahnen und Wandteller.
Barbara Häne: Lieber Herr Levy, lieber Herr Rueff, wie kam es zur Gründung eines jüdischen Turnvereins?
Guy Rueff: Einen jüdischen Turnverein zu gründen, war identitätsstiftend und eine Möglichkeit, «unter seinesgleichen» zu sein. Der JTV war ein Schmelztiegel: In ihm vereinten sich Jüdinnen und Juden aus allen sozialen Schichten, jede jüdische Person wurde aufgenommen, die Herkunft spielte keine Rolle.
Claude Levy: Zu einem Zeitpunkt, als osteuropäische Jüdinnen und Juden an vielen Orten unwillkommen waren, stammte mit Jakob Mendelowitsch einer der ersten Oberturner (ab 1915) aus Osteuropa. Das war damals prestigeträchtig, denn der Oberturner war eine Respektperson. Er bestimmte den Ablauf der Turnübungen und war für das Anmelden der Turner an den kantonalen und eidgenössischen Turnfesten verantwortlich. An den Turnfesten selbst führte er seine Delegation an.
BH: In unserer Ausstellung ist ein Medaillenband mit 26 Turnabzeichen zu sehen. Wie kamen Turner in den Besitz dieser Abzeichen?
CL: Mit solchen Stoffbändern demonstrierte man an den Turnfesten und an den Umzügen nach den Wettbewerben, dass man ein «alter Turn-Hase» war. Ich kann mich erinnern, dass mein Vater Robi Levy (Präsident JTV 1925–1935 und 1942–1944), ein solches Medaillenband bei uns zuhause hängen hatte, das er zu den Turnfesten mitnahm. Solche Turnbänder trug jeder Teilnehmer an diesen Anlässen. Die jüdischen Turner formierten sich nach ihrer Rückkehr von den eidgenössischen und kantonalen Turnfesten mit anderen Basler Turnvereinen und liefen vom Bahnhof die Freie Strasse hinunter bis zum Marktplatz, wo der Regierungsrat einen Empfang organisierte und die Turnergemeinschaft begrüsste.
BH: Wie verliefen die Turnfeste?
GR: In der Zwischenkriegszeit waren die Turnfeste militärisch ausgerichtet. Man trat mit weisser Kleidung und schwarzen Schuhen an. Die Wettbewerbe bestanden aus Marsch- und Freiübungen sowie Leichtathletik. Die Turnvereine bezahlten pro Teilnehmer:in einen Beitrag und erhielten dafür je ein Turnkreuz (Festabzeichen) pro Turner:in.
CL: Die eidgenössischen Turnfeste dauerten oft von Donnerstag bis Sonntag. Der Kantonal-Turnverband nahm dabei auf den Schabbat Rücksicht, sodass der jüdische Turnverein am Samstag nicht antreten musste.
BH: Welche sozialen Verbindungen schuf der JTV?
CL: Wichtige! Oft löste eine Generation die nächste ab: Auch unsere Väter waren bereits im JTV aktiv. Der JTV bestand aus verschiedenen Abteilungen, einer Männer- und einer Damenriege, der Jugend- und der Mädchenriege. In der Anfangszeit richtete der JTV grosse gesellschaftliche Anlässe aus. An die Bälle des JTVs in den 1930er Jahren kamen 700 bis 800 Menschen aus Basel, Zürich und dem Elsass. An diesen Bällen lernten sich junge Männer und Frauen kennen. Solche Anlässe führten immer wieder zu späteren Hochzeiten. Die Bälle fanden zuerst in der Mustermesse Basel statt, später, als die Zahl der Gäste abnahm, im Stadtcasino.
BH: In unserer Sammlung befinden sich verschiedene Medaillen und Wandteller. Was stellten sie dar? Und warum bildet der Wandteller (JMS 1942.3) des jüdischen Turnvereins ausgerechnet das Basler Münster ab?
GR: Interessant, dass das Basler Münster auf dem Wandteller abgebildet ist. Er war ein Geschenk der jüdischen Männerriege an den JTV zu dessen 70. Jubiläum. Vielleicht hatte es praktische Gründe, dass man dieses Bild wählte, etwa, weil es nur eine begrenzte Auswahl an Motiven gab, die man wählen konnte, darunter der Basilisk oder wie hier, das Basler Münster. An der christlichen Symbolik hat man sich im JTV offenbar nicht gestört.
CL: Die wohl grösste Bedeutung hatte die Fahne des JTVs, die 1927 von Berthe Braunschweig entworfen wurde und die Aufschrift «Tifereth Bachurim Kauchom» («Der Jugend Zier ist ihre Kraft») in hebräischen Buchstaben trug. Sie wurde an allen Wettkämpfen des JTVs und bei den Umzügen nach den Turnfesten öffentlich durch die Stadt getragen, was besonders mit dem Aufkommen der frontistischen Bewegung in der Schweiz in den 1930er Jahren nicht selbstverständlich war. Leider ist die Fahne, seit sie im Schweizer Sportmuseum in den 1990er Jahren ausgestellt wurde, verschwunden.
BH: Dann hoffe ich sehr, dass die Fahne wieder auftaucht! Vielen Dank für Ihre Auskunft zur Vereinsgeschichte des JTVs und zu dessen Objekte.
verfasst am 28.04.2026





