Portrait von Ruth Kornfeld
Portrait von Johannes Czakai
Königlicher Patentbrief zu einem Dekret der Nationalversammlung bezüglich des Abschaffung der Sonderabgaben für Juden, 07.08.1790, JMS 2259.2.4
Königlicher Patentbrief zu einem Dekret der Nationalversammlung bezüglich des Schutzes der Juden im Elsass und in den anderen Provinzen,16.04.1790, JMS 2259.2.3
Königlicher Patentbrief zu einem Dekret der Nationalversammlung bezüglich des Bürgerrechts für sefardische Juden , 1790, JMS 2259.2.2

Dekret betreffend die Juden, die keinen festen Familiennamen und Vornamen haben, 20.07.1808, JMS 2259.

Ruth Kornfeld, Portrait

Johannes Czakai, Porträt zVg

Königlicher Patentbrief zu einem Dekret der Nationalversammlung bezüglich des Abschaffung der Sonderabgaben für Juden, 07.08.1790, JMS 2259.2.4

Königlicher Patentbrief zu einem Dekret der Nationalversammlung bezüglich des Schutzes der Juden im Elsass und in den anderen Provinzen,16.04.1790, JMS 2259.2.3

Königlicher Patentbrief zu einem Dekret der Nationalversammlung bezüglich des Bürgerrechts für sefardische Juden , 1790, JMS 2259.2.2

«Sein Ziel war es, Juden an die nichtjüdische Bevölkerung anzunähern»

Ein Dekret, eine Schenkung und vier Fragen zu jüdischen Nachnamen

Ruth Korn­feld (sel. A., Zürich) hat dem Jüdi­schen Muse­um der Schweiz einen Teil ihrer Samm­lung von Dekre­ten, Eides­for­meln und Bekannt­ma­chun­gen aus dem 16. bis 19. Jahr­hun­dert geschenkt, die den recht­li­chen Sta­tus von Jüdin­nen und Juden behan­deln. Dar­un­ter befin­det sich ein fran­zö­si­sches Dekret aus dem Jahr 1808, das die Wahl von Fami­li­en­na­men für Jüdin­nen und Juden regelt. Im Inter­view mit der Muse­ums­di­rek­to­rin Dr. Nao­mi Lubrich erläu­tert der His­to­ri­ker Dr. Johan­nes Cza­kai (Jeru­sa­lem), war­um in die­ser Zeit euro­pa­weit Nach­na­men ver­ge­ben wur­den, wel­che Wort­schöp­fun­gen dabei ent­stan­den sind und wie es dazu kam, dass zahl­rei­che jüdi­sche Ein­woh­ner Gali­zi­ens Schwei­zer Flur­na­men erhielten.

Nao­mi Lubrich: Lie­ber Herr Cza­kai, seit wann gibt es jüdi­sche Nachnamen? 

Johan­nes Cza­kai: In eini­gen Fami­li­en gab es sie bereits seit dem Mit­tel­al­ter. Der Gross­teil der Jüdin­nen und Juden hin­ge­gen trug bis zum Ende des 18. Jahr­hun­derts kei­ne Nach­na­men. Mit der Moder­ni­sie­rung der euro­päi­schen Staa­ten änder­te sich das, und zwar über­all anders: Im Habs­bur­ger­reich refor­mier­te Kai­ser Joseph II. in den 1780er-Jah­ren die Juden­ge­setz­ge­bung. Zur Ver­bes­se­rung der Ver­wal­tung und des Steu­er­sys­tems schrieb er den Juden von­ein­an­der unter­scheid­ba­re, erb­li­che Fami­li­en­na­men vor, um sie nament­lich iden­ti­fi­zie­ren zu kön­nen. Ein ande­rer Grund war die Vor­stel­lung, dass die jid­di­sche Spra­che einer kul­tu­rel­len «Ver­bes­se­rung» der jüdi­schen Bevöl­ke­rung im Wege stün­de. Und ein Mit­tel dazu – zumin­dest in der öster­rei­chi­schen Pro­vinz Gali­zi­en – war die Vor­ga­be, die Namen muss­ten deutsch sein.

In ande­ren Regio­nen gab es aller­dings ande­re Prio­ri­tä­ten. Als Frank­reich 1808 sei­nen jüdi­schen Bür­gern vor­schrieb, fes­te Fami­li­en­na­men anzu­neh­men, geschah dies mit dem heh­ren Ziel der bür­ger­li­chen Eman­zi­pa­ti­on und dem Abbau reli­giö­ser Schran­ken. Aus der Sicht der napo­leo­ni­schen Gesetz­ge­bung soll­ten sich Juden nicht mehr durch ihre Namen von Nicht­ju­den unter­schei­den. Nach dem Vor­bild Frank­reichs erlies­sen auch die Rhein­bund­staa­ten ähn­li­che Ver­ord­nun­gen – im der Schweiz benach­bar­ten Gross­her­zog­tum Baden etwa 1809. Man­che Staa­ten hin­ge­gen erlies­sen erst Jahr­zehn­te spä­ter eine Nach­na­mens­pflicht für Juden, wäh­rend es man­che Län­der nie taten. In der Schweiz gab es mei­nes Wis­sens nie eine sol­che Ver­ord­nung. Wir sehen also gros­se regio­na­le Unter­schie­de, die sich auch auf die Art der Durch­füh­rung auswirkte.

NL: Wer ent­schied, wer wel­chen Nach­na­men erhal­ten sollte? 

JC: Auch das unter­schied sich von Regi­on zu Regi­on. Zunächst ein­mal ist in den meis­ten Ver­ord­nun­gen – von Frank­reich über Baden, West­pha­len, Bay­ern, Preus­sen, Öster­reich bis nach Russ­land – davon die Rede, dass Juden ihre Namen selbst wäh­len soll­ten. Und wenn man sich die Ergeb­nis­se in den ein­zel­nen Län­dern ansieht, ist das auch zu einem gros­sen Teil gesche­hen. Beson­ders im deutsch­spra­chi­gen Raum, wo sich das West­jid­di­sche und das Deut­sche sehr nah sind, kann man davon aus­ge­hen, dass es für Juden kein gros­ses lin­gu­is­ti­sches Pro­blem dar­stell­te, einen deut­schen Namen anzu­neh­men. Oft waren das im Jid­di­schen gebräuch­li­che Vor­na­men wie Hirsch, Mey­er und Wolff, Orts­na­men wie Bam­ber­ger und Land­au oder Haus­na­men wie Adler und Stern. Eini­ge davon, wie Drei­fuss, Ein­stein oder Oppen­hei­mer, waren schon lan­ge vor den Namens­ver­ord­nun­gen in Gebrauch. Ande­re Namen sind neue Krea­tio­nen, wie Blu­men­thal, Löwen­stein und Rosen­berg. Ande­rer­seits lässt sich nach­wei­sen, dass eini­ge neu gewähl­te Namen von nicht­jü­di­schen Beam­ten abge­lehnt wur­den. Meis­tens ging es dabei dar­um, kei­ne Orts­na­men als Fami­li­en­na­men zu wäh­len, weil die­se zu sehr «jüdisch» wir­ken könnten.

Kom­pli­zier­ter war es in der Habs­bur­ger­mon­ar­chie. In Gali­zi­en führ­ten die Namens­ver­ord­nun­gen dazu, dass hun­dert­tau­sen­de jid­disch­spra­chi­ge Juden mehr­heit­lich deut­sche Fami­li­en­na­men führ­ten, wie Bren­ner, Fried­mann, Neu­mann, Rosen­berg, Sin­ger und Weiss. Im Gegen­satz zum deut­schen Sprach­raum war das sicher­lich nicht der Aus­druck patrio­ti­scher Gesin­nung, son­dern ganz klar ein Zei­chen dafür, dass die meis­ten die­ser Namen von deutsch­spra­chi­gen Beam­ten erfun­den wur­den. Tat­säch­lich waren sie dazu gesetz­lich auto­ri­siert. Zwar mit der Ein­schrän­kung, dass das jüdi­sche Fami­li­en­ober­haupt zunächst selbst wäh­len durf­te, aber in der Rea­li­tät kam es sicher häu­fig vor, dass die Beam­ten schlicht­weg alle Namen im Ort selbst erfan­den. Eine viel­fach ver­brei­te­te The­se ist, dass die meis­ten die­ser Namen Spott­na­men waren, aber sie lässt sich nicht hal­ten. Zwar kamen tat­säch­lich absur­de bis gehäs­si­ge Namens­krea­tio­nen vor – wie Affen­ge­sicht, Gold­schaum und Schlan­gen­kopf –, die auf eine hämi­sche oder gar juden­feind­li­che Ein­stel­lung der Beam­ten schlies­sen las­sen. Doch der Gross­teil scheint ledig­lich nach deut­schen Sub­stan­ti­ven und Adjek­ti­ven gebil­det wor­den zu sein, ohne die Inten­ti­on, die Trä­ger zu stigmatisieren.

NL: Zum Ende des 18. Jahr­hun­derts erhiel­ten gewis­se ost­jü­di­sche Fami­li­en Orts­na­men aus der Schweiz und Süd­deutsch­land. Wel­che waren das, und was ist Ihre The­se, warum? 

CZ: Aus Sicht der jüdi­schen Geschich­te der Schweiz sind die jüdi­schen Fami­li­en­na­men Appen­zel­ler, Ber­ner, Endin­ger, Klin­ge­nau, Lenz­bur­ger, Zür­cher und Zur­gil­gen inter­es­sant und rät­sel­haft, denn die Fami­li­en leb­ten nicht in der Schweiz oder in Süd­deutsch­land, son­dern über tau­send Kilo­me­ter ent­fernt in der Buko­wi­na, einem Teil der frü­he­ren öster­rei­chi­schen Pro­vinz Gali­zi­en. Da nichts über eine dama­li­ge Migra­ti­on von Jüdin­nen und Juden vom Hoch­rhein nach Ost­eu­ro­pa bekannt ist, haben mich die­se Namen auf­hor­chen und wei­ter nach­for­schen las­sen. Schliess­lich fand ich her­aus, dass Johann Fide­lis Erg­ge­let, der öster­rei­chi­sche Beam­te, der 1786 die Ver­ord­nung unter­schrieb, dass die jüdi­schen Fami­li­en der Buko­wi­na fes­te Fami­li­en­na­men anneh­men soll­ten, ursprüng­lich aus Walds­hut stamm­te. Die neu­en Namen in der Buko­wi­na glei­chen mit ver­blüf­fen­der Kon­ti­nui­tät Orten, Per­so­nen, ja selbst nur Ein­hei­mi­schen bekann­ten Flur­na­men aus der Grenz­stadt am Rhein, wie Lie­der­mat, Roh­al­den und Schmie­de­nau­er. All das weist deut­lich dar­auf hin, dass sie von jeman­dem ver­ge­ben wor­den sein müs­sen, der aus die­ser Regi­on kam – und das war Erg­ge­let. Mei­ne The­se geht so weit, dass er die­se Namen nicht ver­gab, um Juden lächer­lich zu machen oder sie zu stig­ma­ti­sie­ren, son­dern im Gegen­teil: Er war ein typi­scher öster­rei­chi­scher Beam­ter der jose­phi­ni­schen Auf­klä­rungs­zeit, und sein Ziel war es, Juden mit­hil­fe sei­ner Mei­nung nach «nor­ma­ler» Namen an die nicht­jü­di­sche Bevöl­ke­rung anzu­nä­hern und kul­tu­rel­le Schran­ken abzu­bau­en. Aller­dings bedach­te er nicht, dass die nicht­jü­di­sche Bevöl­ke­rung der Buko­wi­na in ers­ter Linie rumä­ni­sche oder ukrai­ni­sche Namen hat­te und die süd­deut­schen Namen vie­ler Jüdin­nen und Juden im Ver­lauf natio­na­ler Auf­la­dun­gen des 19. Jahr­hun­derts doch zu einem Sym­bol kul­tu­rel­ler Tren­nung wer­den sollten.

NL: Lie­ber Herr Cza­kai, vie­len Dank für Ihren Ein­blick in die Ver­ga­be jüdi­scher Nachnamen!

JC: Mit­hil­fe von Namen lässt sich eine fas­zi­nie­ren­de Zeit der jüdi­schen Geschich­te bes­ser ver­ste­hen; doch wir wis­sen noch viel zu wenig. Nach wie vor ist nicht klar, wie gross die Zustim­mung oder Ableh­nung gegen­über von oben ver­ord­ne­ten Namen war. In eini­gen Fäl­len wis­sen wir, dass eman­zi­pier­te Juden im deutsch­spra­chi­gen Raum begeis­tert auf die Namens­ver­ord­nun­gen reagier­ten, weil sie mein­ten, dass der bür­ger­li­che Name ein wei­te­rer Schritt zu glei­chen Rech­ten sei. In Ham­burg bei­spiels­wei­se baten die Gemein­de­vor­ste­her die Stadt­ver­wal­tung dar­um, fes­te Namen anneh­men zu dür­fen. Doch wir haben kei­ne Selbst­zeug­nis­se von den Men­schen, die um 1800 neue Fami­li­en­na­men annah­men. Daher kön­nen wir meist nur mut­mas­sen, ob sie ihre Namen selbst wähl­ten, dazu gezwun­gen wur­den und was sie gene­rell über die neu­en Namen dach­ten. War Jid­disch spre­chen­den Men­schen über­haupt die genaue Bedeu­tung des deut­schen Nach­na­mens bewusst? Hiess jemand mit dem Namen Sei­den­tuch so, weil er mit sol­chen han­del­te oder war der Begriff will­kür­lich gewählt? Woll­te jemand mit dem Namen Schil­ler wirk­lich sei­ne Ver­eh­rung für den gros­sen Dich­ter aus­drü­cken? All das kann man nicht pau­schal beant­wor­ten und es lässt sich nur in der genau­en bio­gra­fi­schen Betrach­tung von Ein­zel­fäl­len klären.

Dar­über hin­aus fra­ge ich mich, inwie­fern ste­reo­ty­pe Bil­der vom «jüdi­schen» Namen bis heu­te über­lebt haben. Namen kön­nen, wie ande­re Attri­bu­te auch, anti­se­mi­ti­sche Codes trans­por­tie­ren und eine Per­son als ver­meint­lich «jüdisch» mar­kie­ren. So etwa bei anti­se­mi­ti­schen Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen, bei denen von der angeb­li­chen Macht «der Roth­schilds» fan­ta­siert wird, deren jüdi­sche Her­kunft nicht mehr genannt wer­den muss, aber auf­grund des Namens, der aus der Frank­fur­ter Juden­gas­se stammt, immer mit­schwingt. Die meis­ten Men­schen sind sich die­ser Ver­bin­dung mög­li­cher­wei­se nicht ein­mal bewusst. Es wäre wich­tig und span­nend zugleich, die­se Wahr­neh­mung genau­er zu unter­su­chen und zu fra­gen, wie sie sich das Ste­reo­typ des «jüdi­schen» Namens seit dem 19. Jahr­hun­dert gewan­delt hat und bis heu­te in Wit­zen, Büchern und Fil­men fortwirkt.

NL: Lie­ber Herr Cza­kai, vie­len Dank für Ihren Ein­blick in die jüdi­sche Ono­mastik!

verfasst am 29.05.2026